Interview mit Arundhati Roy

Im weiteren Dokumentieren wir ein Interview mit Arundhati Roy und der Süddeutschen Zeitung vom 16.4.2013.

‚Es ist ein jobfreies Wachstum‘
Text: Tobias Matern

Die Schriftstellerin Arundhati Roy gehört zu den bedeutendsten Globalisierungskritikern in Indien. Sie arbeitet gerade an ihrem zweiten Roman, meldet sich aber regelmäßig mit politischen Essays zu Wort. Beim Gespräch in Delhi erklärt sie ihre Wut auf Indiens Politiker und warum sie den wirtschaftlichen Aufschwung ihrer Heimat als ungerecht empfindet.

SZ: Niemand kritisiert Indien so heftig wie Sie. Was macht Sie eigentlich so wütend, wenn es um Ihr Land geht?
Arundhati Roy: Die Kritik geht auf den Wunsch zurück, zu lieben und stolz zu sein auf die Menschen, mit denen man zusammenlebt. Aber wenn Sie sich die Dinge vergegenwärtigen, die in diesem Land passieren, etwa wie viele Tausende Menschen in Gefängnissen sind – Muslime, Indigene, Dorfbewohner, die als Maoisten eingestuft werden – wenn Sie daran denken, dass allein im vergangenen Jahr 3000 Menschen in Gefängnissen gestorben sind, dann verdeckt die Darstellung Indiens als einem spirituellen Hippie-Paradies eine extrem grausame Realität.
Bereits mit 17 hat Arundhati ihr Zuhause verlassen

Trotzdem sieht gerade der Westen Indien in seinem sehr positivem Licht.
Man sollte sich einmal vor Augen halten, wie viel Ekel und Wut es über Pinochet in Chile gegeben hat – aber die Zahlen der Menschen, die in Kaschmir als Folge der indischen Militärbesatzung getötet wurden, sind deutlich höher: 68000 Tote, 8000 Verschwundene, Zehntausende Gefolterte – und ähnliche Dinge geschehen in anderen indischen Staaten auch. Der derzeitige Ministerpräsident von Gujarat, Narendra Modi, der über ein am helllichten Tag verübtes Massaker an Tausenden Muslimen präsidiert hat, wird als Premierminister-Kandidat bei den nächsten Wahlen antreten. Für die großen Unternehmen ist er der bevorzugte Mann, sie sehen seine gewalttätige Vergangenheit eher als Zeichen dafür, dass er die Dinge erledigt bekommt. Er gehört einer Organisation an, die in ihrer Halle der Gottheiten neben anderen Männer auch Hitler und Mussolini hat. Die Tourismus-Behörde sollte den Slogan ‚Unglaubliches Indien‘ in ‚Unglaublich brutales Indien‘ ändern.

Das Thema Gewalt zieht sich wie ein roter Faden durch Ihre Streitschriften.
Die Gewalt geht nicht nur vom Staat aus, sie ist an Mobs ausgelagert worden. Es gibt Mobs, die Muslime verfolgen, auch Künstler, Schriftsteller, Akademiker – etwa diejenigen, die wegen Kaschmir die Stimme erheben. Die Polizei schaut nicht nur zu, wie der Mob attackieret, wen er möchte. Die Medien werden zuvor benachrichtigt, um das Spektakel zu übertragen. Und sollten auch den politischen Aspekt des Kastenwesens nicht vergessen. Es geht um die Politik einer Gesellschaft, die die Unberührbarkeit institutionalisiert hat. Die Kaste ist das Zentrum der indischen Demokratie. Ich würde sagen, dass es hier eine Form von Apartheid gibt. Wie viele Dalits (eine am unteren Rand der Gesellschaft stehende Schicht, – Red.) arbeiten in den Medien? Keine. Wie viele Muslime arbeiten in der Politik? Fast keine. Wenn man darauf hinweist, wird man beschuldigt, extrem zu sein. Dabei ist es die Wahrheit.

Im ‚Gott der kleinen Dinge‘ schildern Sie nicht nur, was aus Ihrer Sicht in Indien alles falsch läuft, sondern auch die Schönheit des Landes. Wie lebt es sich für Sie in diesem Widerspruch?
Ich bin davon innerlich zerrissen, aber andererseits: Welcher Schriftsteller möchte schon ohne Widersprüche leben? Indien ist, was es ist und wo ich lebe. Es ist leicht, sich entmutigen zu lassen, weil man oft mit der eigenen Sicht isoliert sein kann, weil Menschen, die politisch radikal sind, im sozialen Umgang konservativ sein können und Menschen, die im Sozialen radikal sind, politisch konservativ sein können. Es ist nicht einfach, Allianzen zu schmieden.

Sie üben gern Kapitalismus-Kritik. Andererseits schicken auch Sie Ihre E-Mails vom Lieblingsspielzeug der Konsumgesellschaft: dem iPhone. Das ist scheinheilig.
Ach ja? Sollte ich also aufhören, ein Handy und einen Computer zu benutzen und mich in ein Leben von makelloser Reinheit zurückziehen? Wenn man sich für ein reines, moralisches Leben entscheidet, ist das ein Vollzeit-Job, den nur eine kleine Elite ausfüllen kann. Der Rest von uns muss mit seinen Widersprüchen leben. Selbst Gandhi – wenn Sie sich ihn als Vorbild für Tugend und Moral vorstellen, was ich nicht tue – wurde von einem großen Industriehaus unterstützt. Und wenn man in einer kapitalistischen Gesellschaft lebt, ob man nun damit einverstanden ist oder auch nicht, kompromittiert man sich. Die Frage ist: bis zu welchem Ausmaß? Mein iPhone ist doch noch das Wenigste. Ich veröffentliche bei großen Verlagen, obwohl ich meine Arbeit kopieren und an der Straßenecke verteilen könnte. Ich habe mehr Geld, als ich brauche, weil sich meine Bücher gut verkaufen. Ich versuche es zu teilen, aber Wohltätigkeit kann auch kontraproduktiv und sogar zerstörerisch sein. Es gibt kein reines Vorgehen in einer solchen Situation.

Das klingt nach einer Ausrede.
Ich bin eine Schriftstellerin in einem Land, in dem viele Menschen nicht lesen können. Was ist das Moralische, das zu tun wäre? Mit dem Schreiben aufzuhören, in ein Dorf zu gehen und zu unterrichten? Vielleicht – aber ich bewerbe mich nicht um eine Stelle als Heilige. Ich kann nichts anderes machen als das zu schreiben, was ich schreibe. In dieser Gesellschaft gibt es keine Chance, moralisch zu sein.

Warum nicht?
Weil wir noch nicht einmal wissen, was Moral eigentlich ist. Wenn das, was ich tue, eine Bedeutung hat, wird es der Welt erhalten bleiben. Und wenn es keine Bedeutung hat, wird es nicht bleiben.

Ist es also in Ordnung, unmoralisch zu handeln, wenn das Umfeld es so vorgibt?
Das habe ich nicht gesagt. Es gibt eine Richtung, in die man laufen kann, aber es ist ein Ziel, das man nie erreichen wird. Nur einmal angenommen, das Richtige wäre für mich, mein ganzes Geld zu verschenken und auf einem Berg zu leben: Wem sollte ich es geben? Selbst wenn Sie das Geld jemandem geben, der an Ihrem Autofenster bettelt, sollten Sie wissen, dass die Mafia den armen, verstümmelten Jungen, der da bettelt, im Griff hat, und auch den Mann, der an Krücken geht. Man schwimmt in einer Suppe von Dingen, die man nicht sehen kann.

Wenn dieses Land so grausam ist, wie Sie es schildern – was hält Indien dann im Innersten zusammen?
Viel Gewalt. Seit der Unabhängigkeit im Jahr 1947 hat es kein einziges Jahr gegeben, in dem die indische Armee nicht gegen Leute eingesetzt worden ist, die innerhalb der indischen Grenzen leben.

Bereits mit 17 Jahren haben Sie sich entschlossen, Ihr Zuhause in Goa zu verlassen. Warum?
Meine Mutter ist eine außergewöhnliche Frau, außergewöhnlich stark. Aber es war nicht möglich, ihr nahe zu sein ohne erdrückt zu werden. Das wollte ich nicht.

Als Sie als junge Erwachsene nach Delhi kamen, haben Sie gleich den Kontakt zu den Ärmsten der Armen gesucht.
Das war nicht aus einem missionarischen Instinkt heraus – ich hatte halt selbst nicht so viel Geld. Ich habe mir beigebracht, die Dinge zu beobachten und sie aus der Perspektive derjenigen zu verstehen, die zurückgelassen werden.

Sie sehen sich als Stimme der Menschen, die ihre Stimme nicht erheben können?
Absolut nicht, das halte ich für eine groteske Behauptung. Ich finde nicht, dass es Menschen gibt, die ihre Stimme nicht erheben können. Ich finde eher, dass ihre Stimme bewusst unterdrückt wird.

Mehr und mehr Inder profitieren vom Fortschritt, die Mittelschicht ist in den vergangenen Jahren stetig gewachsen.
Die 300 Millionen von uns, die zur neuen Klasse zählen, leben Seite an Seite mit den Geistern der Unterwelt, den Poltergeistern der toten Flüsse, ausgetrockneten Brunnen, kahlen Berge, den Geistern der 250 000 überschuldeten Bauern, die Selbstmord begangen haben, und 800 Millionen Menschen, die verarmt und enteignet sind, um für uns Platz zu machen. Und die mit weniger als 20 Rupien (etwa 35 Cent) am Tag überleben.

Der Rest der Welt sieht Ihr Land etwas anders, als Sie es beschreiben. Barack Obama nennt Indien eine aufgestiegene Weltmacht.
Die Sinne der Mittelschicht sind leicht zufriedenzustellen – mit ein bisschen Lob von außen. Die Mittelklassler sind sensibel, wenn es darum geht, was der Westen denkt. Sie wollen Lob, sie wollen gesagt bekommen: Ihr seid eine Supermacht – und dann kaufen sie schon alte Atomkraftwerke und Waffen, die sie nicht zu kaufen brauchen, die andere aber verkaufen wollen.

Ist nicht der einzige Weg, der Armut zu entfliehen, mehr Wachstum?
Mehr Wachstum! Selbst während einer maximalen Wachstumsphase in Indien arbeiten 90 Prozent der Menschen im nicht-organisierten Sektor. Es ist ein jobfreies Wachstum. Indien hat die größte Anzahl unterernährter Menschen in der ganzen Welt – trotz des Wachstums.

Viele arme Inder scheinen den Traum zu hegen, in die Mittelklasse aufzusteigen.
Der ganze Triumph des Kapitalismus basiert darauf, dass er Träume kolonialisiert.

Ist Wut die Quelle Ihrer Kreativität?
Wie sollte man sich sonst fühlen, wenn man sieht, dass die Wirtschaft deutlich wächst, aber 800 Millionen Menschen zurückgelassen werden. Was hier vor sich geht, ist gar nicht so kompliziert. In einem Land, in dem 1,2 Milliarden Menschen leben, haben die 100 reichsten Inder ein Vermögen, das einem Viertel des Bruttosozialprodukts gleichkommt. Das Land ist im Besitz von einigen wenigen großen Firmen.

Zum Beispiel?
Reliance Industries Limited (RIL) hat einen Marktwert von 47 Milliarden Dollar und globale Interessen in den Bereichen Öl, Erdgas, Textilfasern, Lebensmittel, Schulen, Forschung. RIL ist eine der Firmen, die Indien im Griff haben. Eine andere ist Tata, die Tatas besitzen mehr als 100 Firmen in 80 Ländern. Ihr Slogan könnte sein: Ohne uns kannst du nicht leben. Diese Firmen betreiben Stiftungen, die Journalisten, Akademiker, Politiker finanzieren. Sie organisieren Literaturfestivals, haben Universitäten und statten ausländische Hochschulen mit Hunderten Millionen Dollar aus. Wer traut sich schon, mit ihnen nicht übereinzustimmen? Sie entscheiden, wer für sie das Land regieren soll und wie.

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